Ein Text von Pascal Tschörtner, bpa-Geschäftsführer und Geschäftsbereichsleiter stationäre Versorgung aus dem bpa.Magazin 01/2026:
Die vollstationäre Pflege verändert sich – schneller und grundlegender, als vielen bewusst ist. Pflegeheime übernehmen heute eine andere Rolle als noch vor wenigen Jahren. Bewohnerinnen und Bewohner ziehen deutlich später ein, ihr gesundheitlicher Zustand ist komplexer, ihr Pflegebedarf höher. Für die Einrichtungen bedeutet das: Die Anforderungen an Organisation, Personal und Versorgung steigen spürbar.
Zwei Kennzahlen illustrieren das eindrücklich. Die Pflegegradverteilung fokussiert sich immer stärker auf die Pflegegrade 3 und 4. Zwischen 2017 und 2023 zeigt sich ein klarer Trend. Der Anteil an Personen mit Pflegegrad 3 stieg um knapp 6 Prozentpunkte und nähert sich den 40 Prozent. Der Pflegegrad 2 sank fast im Gleichschritt und liegt nun nahezu gleichauf mit Pflegegrad 5.
Sehr viel dramatischer ist die Veränderung der Verweildauer im Pflegeheim. Der Barmer Pflegereport 2025 zeichnet nach, dass von denjenigen, die 2017 in ein Pflegeheim zogen, nach einem Jahr noch 57 Prozent und nach zwei Jahren noch 43 Prozent im Pflegeheim waren. Von denen, die hingegen 2023 einzogen, waren nach einem Jahr nur noch 36 Prozent und nach zwei Jahren nur noch 24 Prozent im Pflegeheim.
Die Gründe sind so vielfältig wie bekannt. Zunächst lautet die politische Zielrichtung nach wie vor„ambulant vor stationär“. Dieses Credo wird von einigen Kreisen gerne genutzt, die Versorgung im Pflegeheim gebetsmühlenartig schlecht zu reden. Nicht zu unterschlagen sind aber auch die hohen Kosten für die hochwertige professionelle Versorgung rund um die Uhr im vollstationären Setting.
Für die Pflegeheime sind die Veränderungen bei der Bewohnerschaft mehr als eine statistische Randerscheinung, sie haben Auswirkungen auf den gesamten Pflegealltag. Mehr komplexe pflegerische Maßnahmen, mehr medizinische Begleitung, vielfältigere Krankheitsbilder, mehr Notwendigkeiten zu Absprachen mit Ärzten und Apothekern. All das resultiert in einer höheren Belastung für das Personal. Zugleich bleibt oft weniger Möglichkeit für langfristige Bezugspflege und Biographiearbeit. Stattdessen ist die Konfrontation mit dem Sterben noch regelhafter der Fall.
Für Betreiber vollstationärer Einrichtungen entsteht daraus eine dreifache Herausforderung. Sie müssen hochkomplexe Pflege organisieren, Personal-und Organisationsentwicklungsmaßnahmen für die veränderten Anforderungen umsetzen und schlussendlich auch ihre wirtschaftliche Grundlage anpassen. Kürzere Verweildauern resultieren in einer häufigeren Einzugsnotwendigkeit. Das heißt mehr Einzugsgespräche, mehr Pflegeplanungen sowie mehr Klärungsnotwendigkeiten für Verordnungen, Medikationspläne und Hilfe zur Pflege. Für die Auslastungsquote bedeutet dies zusätzliche Belastungen, die in den Pflegesätzen abzubilden sind.
Für Betreiber stellt sich daher eine zentrale strategische Frage: Passt die eigene Einrichtung noch zu den Anforderungen der neuen Versorgungsrealität?
Diese Frage betrifft nicht nur einzelne Aspekte, sondern die gesamte Aufstellung eines Pflegeheims.
- Stimmen Personalstruktur und Qualifikationsmix mit der heutigen Bewohnerstruktur überein?
- Sind Prozesse, Abläufe und Infrastruktur auf die veränderten Bedarfe angepasst?
- Sind Investitionsentscheidungen langfristig tragfähig?
- Und nicht zuletzt: Ist das eigene Geschäftsmodell unter den veränderten Rahmenbedingungen weiterhin stabil?
Gerade private Träger haben in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass sie auf strukturelle Veränderungen flexibel reagieren können. Doch damit Einrichtungen nachhaltig handeln können, brauchen sie Gestaltungsspielräume. Die vollstationäre Pflege ist eines der am stärksten regulierten Versorgungsfelder im Sozialstaat. Starre Leistungsabgrenzungen, komplexe Refinanzierungsstrukturen und detaillierte Vorgaben lassen oftmals kaum Raum für neue Versorgungsansätze. Zaghafte Versuche, wie die Modellvorhaben der letzten Pflegereform, die es vollstationären Einrichtungen ermöglichen soll, ambulante Pflegeleistungen auch für Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft anzubieten, sind sinnvoll. Sie reichen aber nicht aus, solange sie nur einer verschwindend kleinen Zahl von Einrichtungen offenstehen. Wenn innovative Versorgungsformen gewollt sind, dürfen sie nicht auf wenige Modellstandorte begrenzt bleiben.
Die Herausforderungen der kommenden Jahre werden nur zu bewältigen sein, wenn die Einrichtungen handeln können. Politik und Kostenträger sind daher gefordert, die vollstationäre Pflege nicht länger durch übermäßige Regulierung einzuengen. Pflegeheime brauchen Freiräume, um Versorgungsstrukturen kontinuierlich weiterzuentwickeln.
