Mannheim. Als wir Panajotis Neuert, Geschäftsführer von Pflege im Quadrat, auf Mallorca per Telefon erreichen, um von seiner ungewöhnlichen Tour zu erfahren, spricht er noch schneller als sonst. Er hat allen Grund dazu. Eine richtige Odyssee haben er und seine Tagespflege-Bewohner plus Betreuer hinter sich. Sie sind nämlich als Reisegruppe mit teils schwer erkrankten und behinderten Menschen sowie Senioren an den Ballermann geflogen.
„Wir haben das gemacht, wovon alle immer behaupten, es wäre ‚crazy‘, ‚ausgeflippt‘ oder ‚unmöglich‘, sagt Neuert. „Unser Hotel liegt direkt an der Schinkenstraße, wir sind mittendrin“, erzählt er. Aus den Zimmern blickt die Gruppe auf den Bierkönig und zum Megapark ist es ein Katzensprung.
Die zentrale und laute Lage hat einen Grund. Erstens: Dieser Ausflug soll Abwechslung zum Alltag mit vielen Leiden bieten. Er soll ablenken von Krankheit, Beschränkungen, Einsamkeit und Pflege-Bürokratie. Ziel: Kopf und Seele frei kriegen. “Und wir wollen zeigen, da geht noch was. Wenn alle sagen: ‚Es ist vorbei‘“, beschreibt Neuert.
Der zweite Grund ist ein ganz pragmatischer. Schon vor Monaten hat Neuert ein Hotel gesucht. Doch das einzige, das alle Kriterien für die Gruppe erfüllte und zudem barrierefrei war, lag auf der Feiermeile direkt.
Neuert ist happy. Aber er klingt müde. Er erzählt, dass die Anreise fast gescheitert wäre. „Erst kam der Bus, der uns holen sollte, nachts nicht in die Straße auf der Schönau rein, weil er zu groß war. Dann standen noch Leute in der falschen Ecke mit einer Menge Gepäck“, so Neuert. Man sieht ihn nicht, während er spricht, aber vermutlich schüttelt er wild seinen Kopf. „Der Bus war dann noch mit Sportlern eines Vereins, die auch nach Malle wollten, bestückt“, lacht Neuert ins Telefon. Doch der Platz hat gereicht, und der Partybus fuhr ab. „Dann sind wir mitten in der Nacht angekommen am Busbahnhof in Frankfurt. Nächstes Problem: Wir mussten noch 1,5 Kilometer zu Fuß zum Terminal zurücklegen. Denn der nächste Bus kam erst gegen fünf Uhr in der Früh. Für uns hochproblematisch. Mit den ganzen Spezialgeräten und Rollstühlen wirklich kaum – oder nur langsam zu machen.“ Neuert: „Ich bin dann losgerannt und habe einem riesigen Linienbus, der da gerade rumstand, gewunken. Stellte sich raus, der Fahrer war in der Pause.“ Nachdem Neuert die brenzlige Lage schilderte, habe der Busfahrer die gesamte Truppe gefahren. Und dann der Supergau am Flieger: Betreuer wurden von ihren Betreuten getrennt. Wir wurden auf zwei Maschinen aufgeteilt und es gab ein riesen Gezerre und letztendlich hatte der Flieger wegen uns 50 Minuten Verspätung“, murmelt Neuert.
„Und vorher mussten wir ernsthaft wegen der Akkus die E-Rollis gegen andere austauschen, weil die, die wir hatten, nicht im Flugzeug mitdurften.“ Gottseidank ist Neuert in Mannheim vernetzt und hat dann Hilfe vom Sanitätshaus Kocher bekommen, das die Rollis gesponsert hatte und dementsprechend Akkus tauschen konnte, erzählt er.
„Bei der Ankunft in Spanien lief das echt besser“, sagt Neuert froh. Dann lacht er hell auf, kreischt fast: „Ich habe so wenig geschlafen, aber schon standen die ersten Klienten aus der Tagespflege an meiner Hoteltür und haben gesagt: ‚Jo, alla, Joti, was penscht, wann geht’s los.“
Als Begleitperson hat an der Reise auch MM-Redakteur Thorsten Langscheid teilgenommen. Er sagt:
"Es ist Wahnsinn, wie positiv wir hier aufgenommen wurden. Die Leute haben uns applaudiert und an der Strandpromenade ein riesiges Interesse gezeigt.“
Viele aus der Gruppe seien über die Schicksale und das Ziel hinter der Tour mit Passanten und Einheimischen ins Gespräch gekommen. Das war zu erwarten. Denn wie könnte sie auch nicht auffallen, die Monnem-Truppe: Pinke Tanktops mit dem Aufdruck „Rollator-Gang: Besser spät als nie“ hatte Neuert drucken lassen. Langscheid weiß auch: „Während sich einige bei Bier, Sangria und Ballermann-Hits ins Getümmel geworfen haben, haben andere wegen ihrer seelischen oder physischen Erkrankungsbilder auch einmal Ruhe gebraucht.“ Für alle war etwas dabei. „Die Leute hier sind der Hammer. So hilfsbereit. Ich mag an Spanien, dass hier keiner schräg guckt, nicht ‚Hä, was soll denn das?‘ fragt, wenn wir als Rolligang auffahren“, sagt Panajotis Neuert. „Und, dass alle immer helfen. Egal, ob du ins Taxi gehen willst oder am Hotel stehst. Sie fragen ständig, ob wir noch was brauchen und zeigen echtes Interesse“, so der Schönauer.
Auch der Fernsehsender RTL wurde auf die besondere Tour aufmerksam und begleitete die Senioren beim Feiern. „Ich muss jetzt auflegen, ich muss mit einer Klientin gleich noch vor ans Meer“, sagt Neuert. „Für viele wird das die letzte Reise sein“, sagt der Mannheimer dann. Er hält inne. „Die Mitreisende sagte mir nämlich, als ich fragte, ob sie mit will: „Ich möchte noch einmal im Leben das Meer sehen.“ Ihre Augen hätten geleuchtet wie lange nicht. Diesen Wunsch wird er ihr nun erfüllen.
Neuert weiter: „Und wir haben auch einen schwerkranken Mann dabei. Bevor er demnächst in das Pflegeheim gehen wird und ihm dort nur wenige Monate wegen seiner Krebserkrankung bleiben, wollte er raus.“ Raus an die Sonne und an die Promenade. Eben nicht nur kalte Drinks – sondern das Leben aufsaugen. Auf der Partymeile, die offensichtlich für alle da ist.
(Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Mannheimer Morgen, erschienen 26. September 2025)


